Interview mit Eva von Kalm – Grimdark Fantasy Autorin

Im heutigen Autoreninterview habe ich die Grimdark Fantasy Autorin Eva von Kalm zu Gast. Für ihr Debüt „Andrargs Schriften – Die Prophezeiung“ hat sie direkt den Vincent-Preis in der Kategorie „Horror“ gewonnen. Wir sprechen über das Schreiben, ihr Genre Grimdark Fantasy, das Entwickeln von Welten, das Veröffentlichen und den Buchmarkt.

Interview mit Eva von Kalm

Hallo Eva, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst! Für alle, die dich vielleicht noch nicht kennen: Stell dich doch mal kurz vor: Wer bist du?

Eva von Kalm
Eva von Kalm, Grimdark Fantasy Autorin

Hi! Danke dir für diese irrsinnig tolle Gelegenheit!
Also ich bin Autorin, Weltenerschafferin, Mama von 2 supercoolen kleinen Jungs, Ärztin, Musikerin…
Aber das sind irgendwie alles die Dinge, die das außen beschreiben. Wenn ich versuche, das Innere zu beschreiben, dann ist es eher Gefühl: So viel Liebe, zum einen für meine Familie und zum anderen für meine Leidenschaft, also meine Geschichten. Begeisterung für das Leben, Faszination für die Psyche und auch ganz ohne klein reden, mit einem Teil Ängste, Sorgen und Wut. Eben allem, was da in einem so drin steckt.
Ich bin 50% wilde Emotionen, 40% Kreativität, 5% Struktur und 5% Chaos. Na gut, da auch die Emotionen Chaos sind, ist der Chaos Anteil wohl höher.

Du schreibst »Grimdark Fantasy« und arbeitest an deiner fünfteiligen Buchreihe »Andrargs Schriften«, von denen zwei Bücher erschienen sind. Kannst du kurz erklären, was Grimdark eigentlich ist und was dich an diesem Genre besonders reizt?

Grimdark Fantasy ist ein Subgenre der Fantasy, das sich mit dem Überleben von moralisch grauen Figuren in einer zerrütteten Welt beschäftigt, mit einem Funken Hoffnung. Oder um es mit den Worten von Mark Lawrence zu sagen, weil sie mir so gut gefallen: „It is characterised by defiance in the absence of hope.“
Mir gefällt am Grimdark besonders gut, dass kaum einer wirklich gut oder böse ist, sondern ich mich stattdessen an jeder Stelle fragen kann: Warum macht er/sie das? Es ist keine Heldengeschichte, sondern erzählt von Figuren, die sich irgendwie weiter bewegen, obwohl sie oftmals nur die Entscheidung zwischen Pest oder Cholera haben. Es reizt mich, dahinter zu gucken, was mit ihrer Psyche passiert, wenn sie solche Entscheidungen treffen.

Liest du auch Grimdark Fantasy oder auch anderes? Was ist dein aktueller Buchtipp?

Ich lese auch Grimdark (Mark Lawrence „Prince of Thorns“ hat mir zum Beispiel sehr gut gefallen), aber überwiegend tatsächlich anderes. Durch die Kontakte mit anderen Autoren lese ich im Moment einiges an Dark Fantasy. Empfehlen möchte ich hier unter anderem Litha Novas Buch „Ein letztes Lied“ und „Die letzte der Magi“ von Julia Verhoeven.
Aber ich lese generell gerne Fantasy in vielen Schattierungen. Meine Lieblingsautorin ist und bleibt Patricia Briggs und wenn ich mich für ein Buch von ihr entscheiden muss, dann ist es „Masques“ (Lese ihre Bücher nur auf englisch).
Ansonsten kann man sich ja beim Thema Buchtipps endlos auslassen.

»Andrargs Schriften« ist eine fünfteilige Buchreihe, die im Verlag der Schatten erscheint. Worum geht es darin?

Es geht um Andrarg, einen jungen Wächter, der aufgrund der Tatsache, dass sein eigener Orden den Mörder seiner Schwester beschützt, beschließt, dass er mehr Macht braucht, um besagten Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Deswegen kehrt er seinem Orden den Rücken und wechselt auf die Seite der Krasos, der Dämonen. Die Reihe erzählt, was mit ihm dann geschieht, wie er damit (nicht) zurecht kommt, Dinge zu tun, die vollkommen gegen seine Erziehung und Moral gehen.

Andrargs Schriften Eva von Kalm Buchcover mit einem leuchtenden, aufgeschlagenen Buch und einer Gestalt dahinter. Das Buchcover ist vor einem leuchtenden Hintergrund platziert

Andrargs Schriften – Die Prophezeiung

Das erste Buch der Reihe stelle ich hier auf dem Blog vor.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Welt Beormere, in der Andrargs Schriften spielt, habe ich schon einige Jahre vor Andrargs Schriften erfunden. Ich wollte eine Welt erschaffen, in der ich nicht auf der Seite der Helden stehe, die alles wieder ins Lot bringen. Ich wollte keine Heilerin sein, kein Paladin. Ich wollte auf der Seite der Bösen sein und trotzdem auch Böse jagen. Wahrscheinlich, weil mir die klassischen Heldensagen nicht mehr zugesagt haben.
Als ich dann endlich den Sprung von Kurzgeschichte zu Roman schaffen wollte, habe ich nach etwas gesucht, das überschaubar ist. Wer hätte schon gedacht, dass aus meinem ehemals 3x 100 Seiten Projekt eine fünfteilige Reihe wird, wo jeder Band zwischen 300 und 400 Seiten hat?
Die Idee mit dem Bösen als Protagonisten hat mich nicht losgelassen. Also musste Andrarg kommen. Einer, der von der Seite der lichten Magie auf die Seite der Schattenmagie wechselt, weil er für seine Suche nach Gerechtigkeit mehr Macht braucht.
Ich empfinde ihn nicht als böse, sondern als jemanden, der zwischen zwei Wegen hin und hergerissen ist und dabei Dinge tut, die moralisch mehr als fragwürdig sind.
Am meisten fasziniert mich an ihm, was seine Taten mit ihm machen. Wie sich die unterschiedliche Magie auf ihn auswirkt. Und ich leide mit ihm, wenn er nach und nach seine Sicherheit verliert.
Ich wusste, dass ich an seiner Seite jemanden sehe, der keine romantische Beziehung mit ihm hat. Eher wie ein kleiner Bruder. Und schon war Josha geboren. Nicht nur Licht, sondern vor allem Bindung. Ob zum Guten oder Schlechten, dazu möchte ich nichts verraten. Der Rest kam ganz von selbst.

Seit wann arbeitest du schon an der Reihe? Und liegen die anderen Bände bereits vor, oder schreibst du die so nach und nach?
An der Reihe selbst arbeite ich seit 2018. Die Bände drei und vier sind teilweise geschrieben, die komplette Reihe ist fertig geplottet. Ursprünglich hatte ich Band 1 und 2 geschrieben und 3-5 sollten eigentlich Band 3 und 4 werden. Aber durch die Überarbeitung und das Lektorat von Band 1 und dann auch Band 2 hat sich nochmal so viel getan, dass ich meinen ursprünglichen Plan erweitern musste.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, das kommt mir bekannt vor. Dein erstes Buch »Die Prophezeiung« hat den Vincent Preis in der Kategorie Horror gewonnen. Herzlichen Glückwunsch erstmal dazu. Wie war das für dich?

Ich kann es heute noch nicht glauben. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Als ich auf der Shortlist gelandet bin, saß ich hier an meinem Schreibtisch und habe darauf gestarrt. Nicht verstanden. Aber es war so.
Und dann kam die Preisverleihung auf dem Marburg Con. Ich hatte unendlich Sorge genau auf Platz 4 zu landen, also neben dem Treppchen. Das war ich so von früher von der Leichtathlethik gewöhnt. Als mein Name dann bei Platz fünf und vier nicht fiel, habe ich total erleichtert aufgeatmet. Aber dann kam mein Name nicht auf drei. Und nicht auf zwei. Das war der Moment, wo ich gedacht habe: Alles klar. Du hast dich geirrt.

Meine Verlegerin hat darauf bestanden, dass ich aufstehe, aber ich wusste gar nicht, wie ich das mit meinen wackeligen Knien überhaupt machen soll. Also bin ich irgendwie nach vorne, hab mich bedankt, und dann hab ich gesungen, weil das die einzige Möglichkeit war, wie ich mich beruhigen konnte.
Heute hab ich einen kleinen Runden Aufkleber auf meinem Band 1 und staune immer noch darüber, dass da drauf steht: Vincent Preis, Platz 1.

Wahnsinn! Gesungen! Du hast mit deinem ersten Buch schon wahnsinnig viel erreicht: Du hast einen Verlagsvertrag und einen Preis gewonnen. Welchen Tipp kannst du anderen Autor:innen geben, die auch von so etwas träumen?

Das machen, was tief in einem ist und raus will und nicht das, was der Markt vielleicht gerade will. Nein, das verspricht nicht unbedingt Erfolg. Aber wenn ich genau das mache, was ich lesen will, die Geschichte zu Papier bringe, die mich beschäftigt, dann halte ich durch.
Klein anfangen, Kontakte knüpfen, mit anderen aus der Branche reden, sich vernetzen. Und vor allem: Sich hinsetzen und weitermachen. Egal wie hoffnungslos es manchmal aussehen mag. Wer möchte, kann immer gerne zu mir kommen und mir Fragen stellen.

Oh, das ist ein tolles Angebot von dir! Wie arbeitest du? Hast du beim Schreiben eine spezielle Methode? Andere schreiben ja alles von Hand, oder schreiben einfach drauflos, wieder andere planen alles bis ins Detail. Wie ist das bei dir?
Ich plotte gerne, arbeite aber irgendwie in Schichten. Also, ich habe eine Idee, die baue ich erstmal ein wenig aus: Wo fängt es an, wo soll es hingehen, wer ist beteiligt, wie sieht die Welt aus, worum soll es sich drehen, was ist der Kernkonflikt, was liegt dem Ganzen zugrunde …
Dann skizziere ich eine grobe Übersicht über den gesamten Plot. Danach fülle ich die einzelnen Kapitel mit Inhalt, meist Stichworte, die Szenen beschreiben.
Dann fang ich an zu schreiben.
Das, was danach steht, wird überarbeitet und es werden Lücken gefüllt: Welcher Charakter braucht mehr Hintergrund oder mehr Entwicklung? Was fehlt, damit der Leser versteht, was ich eigentlich sagen will. So wächst dann der Text in mehreren Runden. Bis ich irgendwann (hoffentlich) zufrieden bin.


Das klingt sehr methodisch. Da gucke ich mir gern was von dir ab! Gibt es denn auch einen Aspekt beim Schreiben oder im Autorenleben, der dir überhaupt nicht liegt oder gar keinen Spaß macht?
Immer wieder eine Herausforderung ist das Marketing.
Ich liebe es, Menschen für meine Geschichten zu begeistern. Gleichzeitig ist es gar nicht so einfach, den Weg dahin zu finden.
Messen gefallen mir deshalb besonders gut, weil ich direkt mit Lesern ins Gespräch kommen kann. Gerade auf den letzten Messen habe ich so viele faszinierenden Gespräche führen können – nicht nur über meine Bücher, sondern über das Leben. Diese Begegnungen sind ein Teil vom Autorin sein, was mich glücklich macht.
Bedeutend schwieriger finde ich es, auf Social Media auf meine Geschichten aufmerksam zu machen. Man hat nur wenige Momente und nicht den Vorteil der direkten persönlichen Begegnung, um das Gegenüber einzuladen, mehr von der eigenen Welt zu erfahren.
Umso mehr freu ich mich, dass ich auch auf Social Media bereits mehrfach die Erfahrung machen durfte, wunderbare Menschen kennen zu lernen. Und ich feier es sehr, wenn ich plötzlich lesen darf, was andere über meine Geschichten denken.

Wenn du dir den Buchmarkt anschaust: Da gibt es immer wieder Querelen und Skandale und viele Kleinverlage und Selfpublisher stehen unter enormen Druck. Gleichzeitig schwinden Leser:innen und die großen Publikumsverlage stützen sich auf wenige bekannte Namen und immergleiche Narrative. Wo stehst du da mit der »Grimdark Fantasy« und wie betrachtest du den Buchmarkt aus deiner Erfahrung und Perspektive? Gibt es vielleicht auch etwas, das dir Hoffnung macht?

Grimdark Fantasy ist in Deutschland die Nische der Nischen und hat in etwa so viel Hoffnung auf eine breite Leserschaft, wie es Hoffnung in den Grimdark Geschichten gibt.
Der Buchmarkt ist schwierig und bleibt schwierig, weil es eben so ist, dass auch Verlage Wirtschaftsunternehmen sind und Geld in unserer Welt eine erhebliche Rolle spielt. Aber ich muss zugeben, dass ich mir in der Regel weder Querelen noch Skandale angucke und daher wahrscheinlich auch nicht immer so mitreden kann.
Kleinverlage haben es nicht leicht, Selfpublisher ebensowenig, weil es eben an Sichtbarkeit mangelt. Und wie soll man ein großes Publikum erreichen, wenn einem die Kontakte und/oder die Mittel dazu fehlen?
Aber es gibt eine Sache, die mich immer wieder dazu bewegt, weiter zu machen: Ich kann gar nicht anders. Erschaffen ist das, was in mir brennt und was ich machen will und ich hoffe darauf, dass Durchhaltevermögen sich auszahlt.


Das wünsche ich dir auf jeden Fall! Wann dürfen wir denn mit Band 3 von »Andrargs Schriften« rechnen?
Tja, das ist eine sehr gute Frage, auf die ich wirklich noch gar keine Antwort habe. Ich habe bisher nicht einmal mit meiner Verlegerin über einen Zeithorizont gesprochen. Definitiv spätestens 2027!

Wo treffen wir dich? Bist du auf Buchmessen oder Lesungen anzutreffen?

Ja, ich treibe mich gerne auf Messen und Lesungen herum.
Für dieses Jahr geplant sind noch:

  • BuCon 10.10.2026
  • Bonner Lesezeichen 24.10.2026
  • Düsseldorfer Bücherweihnachtsmarkt 05.12.2026

Nächstes Jahr (2027) sind in der aktuellen Planung:

  • Leipziger Buchmesse
  • Marburg Con
  • FeenCon
  • KrähenCon
  • BuCon

… und dann mal sehen, was sich noch ergibt. Ich hoffe ja, dass sich auch Möglichkeiten für Lesungen an besonderen Orten ergeben (von Buchhandlung bis hin zum Mittelalterpub), aber aktuell steht da noch nichts fest.

In Leipzig werden wir uns dann persönlich treffen! Ich danke dir vielmals für deine Antworten und wünsche dir noch viel Erfolg auf deinem weiteren Weg!

Eva von Kalm im Netz

Wenn du nun mehr über Eva von Kalm und ihre Bücher erfahren möchtest:

Website Eva von Kalm | Instagram Eva von Kalm

Ihre beiden Bücher habe ich hier vorgestellt:

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Sonja Tornefeld studierte Allgemeine Literaturwissenschaft, Germanistik und Medienwissenschaften. Sie ist Fantasy-Autorin und passionierte Buchliebhaberin, großer Fan von Hobbits, Vampiren, Drachen, Metal und allem Magischen. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in der Nähe des Teutoburger Waldes.
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