Kunst, Kommerz und das schlechte Gewissen: Über den Wert des Kreativen

Hast du dich schon einmal dafür geschämt, Geld für deine Kunst zu verlangen, oder warst verlegen, ob der Preis „angemessen“ ist? Warst du schon einmal verlegen, weil du irgendwie zur Sprache bringen wolltest, dass dein Auftritt nicht kostenlos ist? In diesem Essay lade ich dich ein, gemeinsam mit mir zu erkunden, warum wir Kunst und Künstler:innen sowohl mit Ehrfurcht als auch mit Verachtung begegnen.

Künstler und Geld haben seit eh und je ein schwieriges Verhältnis. Schließen sich Kunst und Geldverdienen gegenseitig aus? Gibt es ein Gesetz, das besagt, man müsse als Künstler:in arm sein? Kunst ist nur Kunst in Verbindung mit Armut, aber nicht mit Kommerz? Und wenn jemand kommerziell erfolgreich ist, hat er oder sie „nur eine clevere Idee zu Geld gemacht“ und der künstlerische Aspekt tritt in den Hintergrund? Wo liegt da die Grenze? Und warum bezahlen Menschen Millionen Dollar für eine an die Wand getapte Banane oder eine unsichtbare Skulptur? (Sollte ich mein Geschäftsmodell überdenken?)

Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Kunst ist unübersehbar, und natürlich treibt er mich um, denn ich möchte meine Kunst in Form von Büchern verkaufen. Im heutigen Essay aus der Kategorie Autorenleben mache ich mir Gedanken über das liebe Geld und brotlose Kunst und habe viele Fragen.

Über die Seele der Kunst

Was bedeutet es, Künstler:in zu sein? Welchen Stellenwert hat Kunst heutzutage noch, wo ich sie doch per Prompt ins Internet schmieren kann? Und ab wann bin ich Künstler:in? Wenn man meine Kunst kaufen kann? Oder wenn ich meine Kunst erfolgreich verkaufen kann? Wie viel Geld muss ich mit meiner Kunst einnehmen, um ernst genommen zu werden?

Und ist Kunst nur dann „gut“, wenn sie sich kommerziell erfolgreich vermarkten lässt? Was ist mit der Kunst, die nur ein kleines oder gar kein Publikum findet?

Ich werde nicht alle Fragen beantworten können, die mir zu diesem Thema einfallen, denn die übergeordnete Antwort ist die: Es hat viel mit einem selbst zu tun. Was sehe ich in einem Werk – sei es ein Musikstück, ein Bild, ein Text, eine Installation? Was sehe ich, wenn ich es betrachte oder konsumiere, und was hat der oder die Künstler:in hineingegeben?

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Spruch

Künstler:innen sind unsichere Menschen.

Wir zweifeln an uns und unserer Kunst. Nicht wenige Künstler:innen bringen psychische Probleme mit. Nicht umsonst wenden sich Menschen in persönlichen Krisensituationen an die Kunst – weil sie Trost in der Kunst suchen, oder sie werden selbst künstlerisch aktiv, um sich selbst Trost zu spenden.

Das ist vielleicht das ganze Geheimnis: Trost.

Künstler:in und Kunstwerk gehen in diesem Schaffensprozess eine enge Bindung ein – I can tell!

Es ist eine heilige Beziehung, etwas, das ich besonders im Anfangsstadium schütze, weil dieser Teil des Schaffens sehr vulnerabel ist. Erst nach und nach war ich bereit, die entstehende Kunst mit anderen zu teilen. Im direkten Gespräch kostet es mich immer noch Überwindung. Nicht, weil ich mich in einem permanenten Zustand mentalen Überlebens befinde, sondern weil man sich selbst angreifbar macht.

Jeder Satz und jede Figur enthält einen Schatten meines Schmerzes – meiner Seele, wenn man so will. Und den kann ich wiederum nur ertragen, indem ich meine Kunst erschaffe: Das Darkadium.

Meine Tochter malt und kritzelt ständig. Wann immer ich an ihr vorbeigehe und auf ihr ipad schiele, verdeckt sie es oder klappt es um, damit ich nicht gucke. Ich kann es selbst nicht haben, wenn mir jemand beim Schreiben über die Schulter guckt. Ich hab es schon in der Schule gehasst, etwa bei Klassenarbeiten, aber auch im Berufsleben und natürlich beim Schreiben.

Kunst zu erschaffen ist ein intimer Vorgang für Künstler:innen und später dann für die Betrachter:innen. Es entsteht eine Bindung zwischen beiden über das Werk, die Zeit und Raum überbrückt.

Sollte man nun diese intime Bindung, diesen Prozess des Erschaffens mit so etwas Profanem wie Geld entweihen? Der Künstler oder die Künstlerin erschafft ja sowieso, weil etwas in ihr drängt. Entwürdigt Geld nicht die Kunst? (Behalte den Gedanken im Hinterkopf!)

Müsste „gute Kunst“ nicht brotlos sein?

Dir kann Kunst egal sein und du kannst Künstler:innen als Schmarotzer betrachten, aber wenn dein Vater oder deine Mutter stirbt oder dein Kind oder dein Hund, oder wenn du eine Krebsdiagnose bekommst, dann stehst du an einem Abgrund und brauchst plötzlich etwas.

Es gibt Momente, in denen ist eine Rose wichtiger als ein Stück Brot.

Rainer Maria Rilke

Es muss gar nicht so dramatisch sein: Hättest du die Coronakrise ohne Musik oder ohne Bücher überstanden?

Kunst bedeutet und bringt Authentizität. Und das ist der schwerwiegendste Kritikpunkt, den man der KI entgegenbringen muss: Ihr Output ist nicht authentisch. Der Output hat keine Seele, aber genau das ist es, was die Menschen brauchen. Das ist das, was die Bindung herstellt, den Seelenschatten der Künstler:in.

Kunst ist vielleicht die letzte Bastion in einer durchkapitalisierten und digitalisierten Welt – kein Wunder, dass der Kapitalismus versucht, die Kunst zu korrumpieren. Und wer sich nicht vom Kapitalismus vereinnahmen lässt, wird diskreditiert und verachtet. In einer kapitalistischen Welt wird nur die Künstler:in anerkannt, die kommerziell erfolgreich ist. Und wir …

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Sonja Tornefeld studierte Allgemeine Literaturwissenschaft, Germanistik und Medienwissenschaften. Sie ist Fantasy-Autorin und passionierte Buchliebhaberin, großer Fan von Hobbits, Vampiren, Drachen, Metal und allem Magischen. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in der Nähe des Teutoburger Waldes.
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4 Kommentare zu „Kunst, Kommerz und das schlechte Gewissen: Über den Wert des Kreativen“

    • Hi Anni,

      du Glückliche! Ich kenne tatsächlich so peinliche Momente und habe das auch schon von anderen Kolleg:innen gehört, dass es das gibt, z.B. bei Lesungen: Man bekommt eine Anfrage, eine Lesung zu halten und man freut sich und alles, aber irgendwie wird nicht über Geld gesprochen und es gibt nicht so wirklich die Gelegenheit, das anzusprechen, weil Kulturveranstaltung, da machen wir das ja alle ehrenamtlich. So ungefähr. In solchen Situationen erfordert es doch etwas Mut, das Thema Vergütung anzusprechen.

      Und du hast völlig recht. Das sollte nicht so sein. Aber es passiert halt und es ist allen Beteiligten unangenehm. Viele fragen sich auch, wie viel sie für so etwas verlangen dürfen, ohne als unverschämt zu gelten. Bei anderen Anfragen ist das dann wieder ganz klar geregelt – auch das gibt es.

      Aber ich höre es tatsächlich immer wieder und ich frage andere Autor:innen auch, ob die für Lesungen bezahlt werden und was die da so als Honorar bekommen, damit ich selbst ein Gefühl dafür bekomme.

      Liebe Grüße
      Sonja

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