So läuft das Lektorat – ein Erfahrungsbericht

An einem Lektorat kommt kein Text vorbei. Entweder muss ich das in eigener Regie leisten, mir diese Leistung einkaufen, oder ein Verlag übernimmt das Lektorat. Mein Manuskript „George und Deborah“ hat es in seiner Rohfassung 3.0 zur Lektoratsreife geschafft, und ich bin seit Dezember nun dabei, die Anmerkungen zu übernehmen und den Text zu überarbeiten. Dabei bin ich auf verschiedene Herausforderungen gestoßen, von denen ich heute erzähle. Es zeigt, denke ich, einen guten Einblick in meinen Schreibprozess.

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Lektorat: Kein Text ist im ersten Entwurf perfekt – erst in der Überarbeitung schält sich der wahre Diamant heraus.

Lektoratsreife: Ab wann geht ein Manuskript ins Lektorat?

Mein Manuskript zu George und Deborah ging in der Rohfassung 3.0 ins Lektorat. Zuvor habe ich selbst viel überarbeitet, gemeinsam mit meiner Erstleserin, die mir sehr wertvolles Feedback gegeben hat. Da ich selbst einen Abschluss in Literaturwissenschaft und Germanistik habe, bringe ich selbst schon einige Skills mit, die mir bei der Textarbeit helfen, allerdings sehe ich in meinem eigenen Manuskript selbst ganz viele Dinge nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass ich durch viele Durchgänge den Text in all seinen Versionen kenne. Manche Szenen haben sich zum Teil komplett anders entwickelt, und dann passiert es, dass da noch Kaffeetassen herumstehen, Figuren Waffen in der Hand haben – oder auch nicht – ohne dass es mir auffällt: Wer hat das Lagerfeuer entfacht? Woher stammt diese Wunde? – Das sind Kleinigkeiten, sich durch das Um- und Neuschreiben der Szenen und Kapitel zwangsläufig ergeben.

War die Rohfassung 3.0 bereit fürs Lektorat? Ein Teil von mir zweifelt daran. Andererseits hat mich das Lektorat nun sehr weit nach vorn gebracht. Bei manchen Dingen habe ich gedacht, dass ich die wohl auch selbst gefunden hätte; andererseits spart es auch einen extra Durchgang, den es bedeutet hätte, diese Dinge selbst zu finden. Insofern: Die Geschichte hatte einen Status erreicht, bei dem ich erst einmal Feedback brauchte, und deshalb war das Lektorat vom Zeitpunkt her genau passend.

Das Erstlektorat hat übrigens Carina Krämer gemacht. Sie hat mir sehr wertvolle Anmerkungen zum Text gegeben, die mir helfen, noch mehr aus der Geschichte herauszuholen und natürlich logische und inhaltliche Fehler zu identifizieren und zu verbessern – denn darum geht es ja im Lektorat: Den Text besser zu machen. Dabei geht es nicht nur um vergessene Kaffeetassen, sondern auch um die Logik der Figuren oder Textstellen, die Leser:innen überfordern, weil zu viele Informationen zu knapp dargestellt werden. Da mein Worldbuilding sehr komplex ist und ich selbst noch nicht bis zu allen Grenzen vorgedrungen bin, ist das gar nicht so einfach, die Informationen möglichst unterhaltsam in verdaubare Häppchen – am besten Dialoge – einzubauen, dass Leser:innen sie so nebenbei aufnehmen.

Das Lektorat: Jonglieren mit Dateien

Meine erste Herausforderung war allerdings etwas ganz anderes, nämlich die Formatierung. Man darf das nicht unterschätzen: Ich arbeite mit dem Schreibprogramm Papyrus Autor, was eine sehr umfangreiche Romansoftware ist. Darin kann ich ganz prima komplett digital arbeiten. Figuren, Settings, Gegenstände, eine Mindmap, Bilder und vieles mehr sind dort hinterlegt, was es mir dann recht einfach beim Schreiben macht, den Überblick zu behalten.

Ich habe mein Buch in Papyrus nicht nur in Kapitel, sondern auch in Szenen eingeteilt. Ich habe Schlüsselereignisse markiert, Kommentare an einigen Stellen eingefügt usw. Das Problem ist: All diese Informationen befinden sich in der *.pap-Datei. Die kann meine Lektorin nicht lesen. Ins Lektorat habe ich also den Text als Normseiten exportiert und dann als Normseiten mit Anmerkungen zurückbekommen. Im *.doc-Format.

Hierdurch ergab sich dann das folgende Problem: Ich müsste die weitere Bearbeitung in Word (oder in meinem Fall der Freeware-Version „OpenOffice Writer“) fortsetzen, was ich aber nicht will! Ich habe ja alles schön in Papyrus eingerichtet – die ganze Backstory, das Denkbrett, Geistertexte, etc! Außerdem habe ich ja mal viel Geld für Papyrus bezahlt, da will ich es auch voll nutzen!

Einfach rüberkopieren geht nicht, weil entweder die Anmerkungen verloren gehen, oder meine ganzen Hintergrundinformationen.

Das war ein Problem, mit dem ich nicht gerechnet hatte!

Was tun?

Es dauerte ein bisschen, bis ich die für mich beste Methode entwickelt habe. Die stelle ich im nächsten Abschnitt vor.

Lektorat, Arbeit am Text
Diese Seite ist vergleichsweise harmlos. Multipliziert mit 250 ergibt das, was ich aktuell zu tun habe.

Der Überarbeitungsprozess

Ich hatte die Rohfassung 3.0 im Hauruck-Verfahren ins Lektorat gegeben. Meine Lektorin hatte etwas früher Zeit, als vorher vereinbart, und so ging die Abgabe recht schnell. Mir war aber da schon klar, dass ich selbst auch unbedingt nochmal durchgehen muss, und das mache ich, seit ich den Text zurückhabe. Die Aufgabe ist also: Die lektorierte Fassung kapitelweise selbst lektorieren und bei der Überarbeitung Änderungen und Anmerkungen im Text übernehmen.

Das Problem mit den verschiedenen Dateitypen kommt erschwerend hinzu. Bei mir hat sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten nun folgender Workflow etabliert (Mein Chef sagte mir mal vor einiger Zeit mit deutlicher Anerkennung, ich ginge in allen Dingen sehr methodisch vor. Das stimmt, das mache ich auch hier. Ich brauche eine Arbeitsweise, nach der ich vorgehen kann. Und dann laufe ich wie ein Uhrwerk.):

Der Workflow beginnt mit dem parallelen Öffnen der lektorierten *.doc- und meiner Papyrus-Datei. Ich gehe kapitelweise durch und übertrage zunächst händisch alle geänderten Textstellen und Textvorschläge. Das sind gar nicht so viele, meist falsche Fälle, vergessene Kommata oder so. Das ist das einfache Fleiß-Programm.

Dann drucke ich das lektorierte Kapitel mit den Anmerkungen – DIE sind ja das Wichtige beim Lektorat! Ich habe da auch mit dem Drucker gekämpft, denn ich habe kein MS Word und der Druck mit Anmerkungen gestaltet sich schwierig. Daher drucke ich mit Kommentaren immer 2 Seiten auf ein Blatt. So habe ich dann links meinen Text und rechts die Spalte mit den Anmerkungen. Damit setze ich mich dann ganz klassisch hin, lese, korrigiere, schaue mir die Anmerkungen an und beginne, die dann einzubauen. Manchmal sind es Kleinigkeiten wie besagte Kaffeetassen, manchmal merke ich, dass ich Hintergrundwissen nachsteuern muss, und manchmal funktioniert ein Kapitel so, wie es ist, im Ganzen einfach nicht und wird komplett umgebaut und meist erweitert (das sind dann die Kapitel, die wirklich viel Zeit brauchen!).

Diese Methode funktioniert bisher ganz gut, allerdings sehe ich Probleme auf mich zukommen, wo es dann um Dinge geht, die mehrere Kapitel umfassen – ich habe zum Beispiel die beiden Kapitel, in der sich George und Deborah kennenlernen, komplett neu strukturiert und umgebaut. Da wird es dann immer wichtiger, vorangegangene Kapitel nochmal zu lesen, um eine gewisse Einheitlichkeit zu behalten. Ich habe in diesem Rahmen also schon Kapitelgrenzen neu verlegt, Szenen ergänzt oder gestrichen – es passiert tatsächlich noch sehr sehr viel am Text! Aktuell stehe ich im achten Kapitel und denke, dass ich Anfang März mit allem durch sein werde.

Ein Wort noch zum gedruckten Text: Ich bin da etwas oldschool. Ich habe Probleme, lange Texte komplett am Bildschirm zu lesen. Ich arbeite mit einem Stift in der Hand, deshalb gehe ich immer handschriftlich durch meinen Text und drucke mir auch alles aus. Wenn diese Version fertiggestellt ist, werde ich sie mir wahrscheinlich auch schon als Buch probedrucken. Das habe ich in der Vergangenheit auch schon gemacht. Das hilft mir auch, eine Schreibrunde wirklich abzuschließen: Am Ende jeder Runde habe ich den neu gedruckten Text.

Und die Nerven?

Eine Herausforderung, die ich bisher nicht angesprochen habe, die aber durchaus sehr präsent ist: Die Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich fand ja Rohfassung 3.0 gar nicht übel (auf jeden Fall viel besser als 2.0!), aber immer, wenn ich mir ein neues Kapitel vornehme, kostet es mich Überwindung. Ich starte gefühlsmäßig mit hängenden Flügeln. Vielleicht geht es anderen nicht so, vielleicht ist es nur beim ersten Buch so, ich weiß es nicht.

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Autorin und Nervenbündel? Was mach ich hier eigentlich??

Ich merke, wie ich mich vor der Überarbeitung drücke, weil es mich emotional Überwindung kostet, mir die Anmerkungen anzuschauen – wirklich wahr. Ist wahrscheinlich blöd, und zumindest konnte ich am Ende einer jeden Kapitelüberarbeitung sagen, dass das Kapitel sich enorm entwickelt hat, aber ich spüre diese Hürde. Es kostet mich viel Willenskraft, dranzubleiben. Ich halte mich ja durchaus für kritikfähig und meine Lektorin ist wirklich sehr sachlich, aber trotzdem ist mein Textbaby natürlich etwas Besonderes für mich. Es berührt mich mehr, als mir lieb ist.

Ich denke dann immer an den folgenden Spruch:

“I don’t want to make that blanket a statement,” he says, “but I guess for me, [the work isn’t authentic if you’re not embarrassed by it], yeah.” 

Quentin Tarantino, zitiert von hier

Meine Lektorin ist wie gesagt sehr sachlich und professionell. Sie legt den Finger natürlich auf die richtigen Wunden. Klar gab es auch einige Stellen, bei denen ich etwas vielleicht anders sehe oder auch bewusst mit der Erwartungshaltung der Leser spiele oder Informationen zurückhalte, aber mehrheitlich findet sie schon genau die kleinen und großen logischen Fehler, die eben in jedem Text zu finden sind. Und ich bin ja froh, dass sie sie gefunden hat: Das macht meinen Text besser!

Wie gehe ich also mit meinen Zweifeln und meiner Angst um?

Augen zu und durch – ich konzentriere mich auf meine Methode. Zuerst übernehme ich stumpf die Änderungen und lasse mich dann selbst nochmal komplett neu auf meinen Text und die Anmerkungen dazu ein. Und bisher hat es dem Manuskript extrem gut getan, behaupte ich mal. Ich kann mittlerweile kaum mehr erwarten, ihn endlich zu veröffentlichen.

Ausblick

Wie ich schon sagte: Bis März werde ich locker noch mit den Korrekturen für George und Deborah beschäftigt sein. Danach will ich es selbst im Ganzen lesen und diese Version abschließen. Hier kommt auch ChatGPT zum Einsatz – darüber schreibe ich demnächst mal mehr. Nach dieser Runde werde ich dann Testleser:innen suchen :). Ein paar Freiwillige haben sich schon gemeldet – ich freue mich schon darauf!

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Passionierte Buchliebhaberin, großer Fan von Hobbits, Vampiren, Drachen, Metal und allem Magischen. Lebt mit Mann, Kindern und Hund in der Nähe des Teutoburger Waldes und schreibt an ihrem Dark Fantasy Debütroman.

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