Korrektur lesen: Stück für Stück zu deinem Buch

Ein Buch schreibt sich nicht von allein, nicht an einem Tag und sicher nicht an einem Stück. Je nach Projektgröße ist es ratsam, sich den Text in kleinere Häppchen einzuteilen. Es ist auch hilfreich, sich vorher eine Struktur zu überlegen und den Plot zu skizzieren. Dann wird geschrieben, fertig. Und dann? Dann kommen Korrektur und Lektorat und alles ist gut? Weit gefehlt! Ein wesentlicher Aspekt des kreativen Schreibens selbst sind die Korrekturschleifen. Warum, zu welchem Zweck und wie viele du brauchst, erfährst du in diesem Beitrag.

Knick den Perfektionismus!

Die Idee zu diesem Beitrag begann auf Instagram mit der Frage nach Perfektionismus beim Schreiben. Der steht dir nämlich neben ein paar anderen Dingen im Weg bei deinem Ziel, ein Buch zu schreiben! Knick ihn am besten direkt jetzt und konzentrier dich auf deinen Text!

Ich habe früher immer gedacht, dass eine Geschichte nur so aus mir rausfließen müsste – direkt in perfekte Form gegossen: Dramaturgisch bestens komponiert inklusive Twists, interessanter Charaktere und einem Ende, das den Leser atemlos nach der Fortsetzung sabbernd zurücklässt.

Aber sowas gibt es nicht. Zumindest bei mir nicht und auch bei niemand sonst, den ich kenne, der schreibt.


sonja phantastopia buchblog

Der erste Entwurf ist nicht mehr als ein Gerüst voller Komma- und Logikfehler mit Marionetten als Figuren, die leblos durch deinen Plot irren.

Sonja, phantastopia.de

Was ich jahrelang falsch gemacht habe: Dieser Perfektionsanspruch tötet das Buch, lange bevor es fertig ist. Selbst wenn du dein Manuskript fertig hast und es bei einem Verlag angenommen wird: Es wird sich ändern! Dein Lektor wird sehr wahrscheinlich auch nochmal einige Korrekturen machen.

Kreatives Schreiben bedeutet aktive Arbeit am Text. Und das geht in mehreren Schleifen.

Der erste Entwurf

Wir sind uns nun einig, dass der erste Textentwurf gerade mal für ein Lagerfeuer taugt. Es geht beim ersten Entwurf nicht darum, dass der Text perfekt ist. Du musst ihn auch niemandem zeigen!

Im ersten Entwurf müssen noch nicht alle Namen feststehen. Eventuell hast du da auch noch Regieanweisungen drin, wie z.B. „XY stiehlt die Kronjuwelen und flüchtet spektakulär aus dem Saal“.

DAS macht den ersten Entwurf aus: Es ist eine Skizze, ein Gerüst. Stephen King spricht in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“* sinngemäß davon, ein Skelett freizulegen. Darum geht es bei den folgenden Korrekturschleifen.

Arbeit am Text: Korrektur lesen ist Teil des Schreibprozesses

Das Korrekturlesen, oder eher das Lektorieren, ist Teil des Schreibens. Es ist kein separates Ereignis danach, sondern ein sich wiederholender Teil des kreativen Schreibens. Der erste Entwurf ist dazu da, um da zu sein. Deshalb sitzen wir alle im November zum NaNoWriMo da und hacken wie verrückt 50.000 Wörter in den Computer: Um einen ersten Entwurf zu haben, den wir danach formen können.

Wenn du das Glück wie ich hast, jemandem deinen Entwurf anvertrauen zu können: Mach es! Das Gerüst und deine Marionettenfiguren sind ja bereits da. Frag deine:n Testleser:in, ob der Plot gut funktioniert, wie die Charaktere ihm oder ihr gefallen. Es geht im ersten Durchgang um Plausibilität: Was funktioniert und was nicht?

Ich habe beispielsweise im ersten Entwurf meiner George-und-Deborah-Geschichte eine Sexszene, mit der ich eigentlich von Anfang an gehadert habe. Als ich dann mit meiner Vertrauten darüber sprach, war dann ganz schnell klar: Eine Romanze und eine Sexszene passen nicht in die Geschichte. Die Charaktere entwickeln eine tiefe Verbundenheit, die weit über sexuelles Verlangen hinausgeht. Sex würde alles kaputt machen. (Sich aber wahrscheinlich besser verkaufen, die geplante Reihe dann aber schnell in die Romantasy-Ecke drängen – was ich nicht wollte.)

Du solltest deine ersten Testleser entsprechend briefen: „Achte nicht auf Kommafehler, Grammatik und Ausdruck, sondern auf die Plausibilität und das Tempo der Geschichte!“

Diesen Schritt wiederholst du so lange, bis es nichts mehr an deinem Manuskript gibt, was du weglassen kannst!

Bei jedem Durchgang trennst du dich von Füllwörtern (z.B. aber, eigentlich, und, hatte, konnte…), Adjektiven (mach es wie Stephen King: Adjektive raus!!), und von Infodump, also allen Passagen, die viel Hintergrundinfo liefern, aber deine Geschichte ausbremsen. Packe die notwendigen Infos in Dialoge, Nebensätze oder irgendwohin, wo sie nicht stören!

Während es beim ersten Entwurf darum geht, erstmal alles hinzuschreiben und wörtertechnisch auf Masse zu gehen, sollte dein Text bei jedem Durchgang schlanker werden, auch, wenn es wehtut!


Antoine de Saint-Exupéry im Mai 1942 in Montreal, Kanada

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“

Antoine de Saint-Exupéry, Hervorhebung von mir.
Bild: Antoine de Saint-Exupéry im Mai 1942 in Montreal, Kanada, Wikipedia, gemeinfrei

Getting the words right

Wie viele Korrekturen es braucht? Da gibt es keine Antwort! Was du aber bei jeder Runde beachten solltest: Lass deinen Text eine gewisse Zeit ruhen, bevor du selbst lektorierst. Dir fallen selbst mehr Ungereimtheiten auf, wenn du eine Weile Abstand hattest.

Du wirst feststellen, dass dein Text mit jedem Durchgang besser wird: Du legst mit jedem Mal ein Stück mehr des Skeletts frei, du formst das Kunstwerk etwas mehr. Du kannst dir und deinen Testlesern bei jeder Runde Schwerpunkte mitgeben, damit sie mehr auf bestimmte Charaktere, Symbole oder Sprache achten.

Ausdruck, Stil und Grammatik sind der letzte Feinschliff. Sie verbessern sich aber auf dem Weg dahin natürlich schon sehr.

Ernest Hemingway hat seine Texte zum Teil 40 Mal überarbeitet. Hier ein Auszug aus einem Interview dazu:


256px Ernest Hemingway Writing at Campsite in Kenya NARA 192655

INTERVIEWER: How much rewriting do you do?

HEMINGWAY: It depends. I rewrote the ending to Farewell to Arms, the last page of it, thirty-nine times before I was satisfied.

INTERVIEWER: Was there some technical problem there? What was it that had stumped you?

HEMINGWAY:

Getting the words right.

Interview aus The Paris Review, Issue 18, 1958, Quelle.
Bild: Ernest Hemingway Writing at Campsite in Kenya, ca. 1953, Wikipedia, gemeinfrei.

Getting the words right!!!!

Was bedeutet das für dich und mich? Wenn selbst Hemingway ein Ende 40 Mal schreibt, dann sind wir bestimmt nicht mit zwei Korrekturläufen durch.

Die größte Herausforderung ist dann irgendwann, den Text wirklich gehen zu lassen und den Punkt zu erkennen, an dem ein Text fertig ist und auch nicht mehr besser wird. Wenn du klug und mutig bist, hast du bis dahin jemand, der dir dann das Manuskript aus den Händen reißt.

Viel Erfolg!

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